Wir sind bei der Geburt meines wunderbaren Sohnes angekommen. Diese verlief nicht ansatzweise so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nach fünf Tagen Wehen wurde mein Sohn per Notkaiserschnitt geholt. Ich wachte danach auf, ohne die Augen öffnen, mich bewegen oder etwas sagen zu können. Ich wusste nicht, wo mein Kind ist und wie es ihm geht. In Dauerschleife fragte ich mich: Ist er am Leben? Ist er gesund? Ich begann mich in voller Panik in mir im Stillen anzuschreien, um endlich die Augen zu öffnen, mich endlich zu bewegen. Doch ich war gefangen in mir selbst. Über ein Jahr litt ich an Flashbacks, ohne zu wissen, was mir da eigentlich widerfährt und was das überhaupt ist.
Ich litt an einem Locked-In Syndrom, ausgelöst durch die Narkose und an einem daraus resultierenden Trauma. Ich erfuhr erst Jahre später, was das ist und was es bedeutet.
Das Schlimmste: ich gab mir dafür die volle Schuld. Gefühlt hatte ich alles falsch gemacht. Ich machte mir unendliche Vorwürfe, dass ich nicht gleich für mein Kind da gewesen bin.
Das Beste: meinem wundervollen Sohn ging es gut. Ihn nach Stunden der Ungewissheit endlich im Arm zu haben, war der schönste Moment meines Lebens.
Heilung sollte mir, meiner Vorstellung nach, eine zweite selbstbestimmte Geburt bringen. Doch dazu kam es nie. Im Oktober 2016, fast genau ein Jahr nach dem wir uns von unserem zweiten Kind, unserem ersten Sternenkind, viel zu früh verabschiedet haben, hörte das Herz unseres dritten Kindes auf zu schlagen.
In dem Moment, in dem ich auf den Monitor der Frauenärztin schaute und das begriff, spalteten sich ganz von selbst meine Gefühle ab, ich dissoziierte emotional. Ab da fühlte ich nichts mehr, keine Freude, Trauer
oder Wut. Mit Ausnahme der Liebe zu meinem Sohn und meinem Mann. Es sollte zweieinhalb Jahre dauern, bis ich die ganze Palette meiner Gefühle wieder aktiv fühlen durfte.